Wohin entwickelt sich China?

Interview mit Hermann Kopp zur China-Konferenz der Marx-Engels-Stiftung

UZ: Am 12./13. April findet an der Uni Marburg eine von Dir organisierte Konferenz statt, die sich mit China beschäftigt. Ist das eine schnelle Reaktion auf die aktuelle Tibet-Debatte ?

Hermann Kopp: Nein, so schnell kann die Stiftung nicht reagieren. Auch wenn die Tibetfrage sicher mit angesprochen werden wird. Der Beschluss, eine Tagung zu China durchzuführen, wurde vom Vorstand der MES schon im September letzten Jahres gefasst, und nach Referenten haben wir seit November gesucht. Um die jetzige Liste zusammenzukriegen, hab ich übrigens mindestens dreimal so viele linke China-Experten angesprochen. Die Absagen hatten so gut wie nie politische Gründe. Viele, die abgesagt haben, gehören, um das Scherzwort eines Marburger Genossen aufzugreifen, zur „Kerosin-Linken“. Sie waren fürs fragliche Wochenende bereits seit langem nach Chikago oder London oder Shanghai oder Taipeh oder was weiß ich wohin verpflichtet.

UZ: Was ist dann der Grund für diese Tagung?

Hermann Kopp: Dafür gibt es mehrere Gründe: objektive und einen mehr persönlichen.

Erstens: Die Volksrepublik China ist, nicht nur das volkreichste Land der Erde, sondern auch das größte, das von einer kommunistischen Partei regiert wird. Sie hat heute 1,3 Milliarden Einwohner – fast viermal so viele wie alle Warschauer-Pakt-Staaten zusammengenommen, die 1989-1991 den Bach runtergingen, und weit über hundertmal so viele wie Kuba mit seinen rund 11 Millionen Menschen. Dennoch interessieren sich die meisten unserer Genossinnen und Genossen, aber auch die uns nahestehenden Medien bislang weit weniger für China als für Kuba.

Zweitens wurde China wegen seiner stürmischen wirtschaftlichen Entwicklung zum wichtigsten Konkurrenten, aber auch interessantesten Absatzmarkt und Handels- bzw. Kooperationspartner der führenden imperialistischen Industriestaaten – und zwar unabhängig davon, wie man sein gesellschaftliches System beurteilt.

Drittens rückt China wegen der Olympischen Spiele im August in den Blickpunkt auch politisch ansonsten uninteressierter Zeitgenossen. Wir würden unsere Aufgabe verfehlen, würden wir auf dieses gewachsene Interesse nicht reagieren.

UZ: Du hast auch von einem „mehr persönlichen“ Grund für die Tagung gesprochen.

Hermann Kopp: Nun, ich habe im Juni 2007 zusammen mit Gisela Blomberg an einer Studienreise nach China teilgenommen, die unser amerikanischer Genosse Erwin Marquit organisiert hat. Die meisten Teilnehmer der Reise waren linke US-Amerikaner. Die Reise begann mit einer Konferenz in Peking zu Fragen der sozialistischen Marktwirtschaft und führte uns dann über den eher zurückgebliebenen Süden und Südwesten des Landes – darunter auch einen vor allem von Tibetern bewohnten Bezirk – nach Shanghai, wo wir unter anderem einen Workshop mit Dozenten der dortigen Parteischule hatten. Eine Reise mit vielen Gesprächen und voller widersprüchlicher Eindrücke – auf jede beantwortete Frage kamen zwei neue. Vor allem deshalb – sozusagen aus purem Egoismus – habe ich dann meinen MES-Vorstandskollegen diese Konferenz vorgeschlagen. Und sie haben zugestimmt. Natürlich nicht mir zuliebe, sondern aus den vorher genannten objektiven Gründen für die Tagung.

UZ: Was werden denn die inhaltlichen Schwerpunkte der Tagung sein?

Hermann Kopp:
Nun, unser Hauptaugenmerk gilt Problemen der inneren Entwicklung Chinas. Nur ein Referat konzentriert sich auf die chinesische Außenpolitik – auf einen Spezialaspekt, die Afghanistanpolitik Chinas. Ich hätte gerne zumindest ein weiteres Referat zu Chinas Rolle in der UNO, zu seiner Außenwirtschaftspolitik am Beispiel Lateinamerikas oder Afrikas gehabt; aber man kann eben an anderthalb Konferenztagen nicht „alles über den Elefanten“ erzählen, und in dem Fall handelt es sich ja wirklich um einen gigantischen Elefanten! Letztlich wird es in allen Vorträgen, explizit oder implizit, um die Frage gehen: Wohin entwickelt sich dieses Riesenland? Entsteht da eine neue kapitalistische Großmacht, vielleicht sogar die kapitalistische Großmacht des 21. Jahrhunderts, oder ist das, was die chinesischen Kommunisten „sozialistische Marktwirtschaft“ nennen, bei allen damit verbundenen sozialen Konflikten und Widersprüchen lediglich eine radikalisierte, den spezifischen inneren und äußeren Bedingungen angepasste Variante von NÖP, also ein notwendiges Stadium auf dem langen Weg in eine moderne sozialistische Gesellschaft?

UZ: Mit NÖP meinst du die Neue Ökonomische Politik, die Periode der sowjetischen Wirtschafts- und Innenpolitik, die 1921 die Phase des Kriegskommunismus abgelöst hat?

Hermann Kopp: Genau.

UZ: Und die Konferenz soll diese Frage klären?

Hermann Kopp: Sagen wir: Sie soll uns etwas schlauer machen bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage – die letztlich nur die Geschichte wird klären können. Den Referenten unserer Tagung ist wohl eins gemeinsam: Sie wünschen sich nichts sehnlicher als ein sozialistisches China – aber ob China auf dem Weg dorthin ist, darüber werden sie sich auch nach dem Ende der Konferenz kaum einig sein!

UZ:
Eine letzte Frage: Werden die Konferenzbeiträge veröffentlicht?

Hermann Kopp: Das Heft 4-08 der Marxistischen Blätter, es soll im Juli erscheinen, hat das Thema China zum Schwerpunkt. Schon aus praktischen Gründen bietet es sich an, einen Gutteil dieses Schwerpunkts mit Beiträgen unserer Tagung zu bestreiten. Etliche wird man also in einigen Monaten nachlesen können. Trotzdem rate ich allen, die sich für das Thema China interessieren, nach Marburg zu kommen: Selbst eine vollständige Dokumentation der Referate könnte die Erfahrung der lebendigen Diskussion nicht ersetzen. Und wir haben alle Referenten gebeten, sich auf relativ kurze Impulsreferate zu beschränken, damit sehr viel Platz für die Diskussion – der Vortragenden untereinander, aber auch mit dem Publikum – bleibt. Günstige Übernachtungsmöglichkeiten gibt es z. B. in der sehr schönen Marburger Jugendherberge.

Quelle: UZ – 4. April 2008

Zeitplan der Konferenz:

Samstag, 12. April

10.30 – 11.15 Anmeldung (freiwillig)
11.15 – 11.25 Begrüßung und Einführung (H. Kopp)
11.25 – 12.15 Manfred Szameitat: Besonderheiten des chinesischen Kapitalismus
12.15 – 13.15 Prof. Dr. Helmut Peters: VR China: 30 Jahre Reform- und Öffnungspolitik

13.15 – 14.30 Mittagspause

14.30 – 15.30 Prof. Dr. Theodor Bergmann: Die Entwicklungsstrategie der VR China
15.30 – 16.30 Dr. Matin Baraki: Die Afghanistanpolitik der VR China

16.30 – 17.00 Kaffeepause

17.00 – 18.00 Ulrike Eifler, M.A: Klassenkämpfe in China

Sonntag, 13. April

10.00 – 11.00 Rolf Berthold: Ergebnisse des 17. Parteitags der KP Chinas
11.00 – 12.00 Wolfgang Pomrehn: Umweltprobleme in China

12.00 – 12.30 Kaffeepause

12.30 – 13.30 Prof. Dr. Manfred Lauermann: Kulturrevolution nach 40 Jahren: Gibt es Kontinuitäten?
13.30 – 14.15 Generaldebatte

Gelegenheit zur Diskussion gibt es jeweils im Anschluss an die Referate, die im Rahmen von jeweils 30 min. bleiben sollen.

Gisela Blomberg (Düsseldorf) wird im Veranstaltungsraum Fotos zeigen, die sie während einer Studienreise nach China im Juni 2007 aufgenommen hat.

Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos.
Die Marx-Engels-Stiftung, die keinerlei öffentliche Fördermittel erhält, bittet um Spenden zur Deckung der ihr entstandenen Kosten.

Konferenzankündigung

Die Marx-Engels-Stiftung lädt ein zur Konferenz:

China im Aufbruch – wohin?


Marburg
12./13. April 2008

Samstag, 11.00 Uhr bis 18.30 Uhr – Sonntag, 10.00 Uhr bis 14.30 Uhr

Nicht erst die jüngsten Unruhen in Tibet – deren „Timing“, wenige Monate vor den Olympischen Spielen in Peking, kaum Zufall sein dürfte –, verleihen der Frage nach den Perspektiven des Landes, in dem über ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt, höchste Aktualität. In den letzten Jahrzehnten hat China einen stürmischen ökonomischen Aufschwung genommen. In China produzierte Waren sind auf allen Märkten der Welt präsent; gleichzeitig macht die insgesamt gestiegene Kaufkraft der chinesischen Bevölkerung China zu einem der interessantesten Absatzmärkte für die Exportindustrie der kapitalistischen Metropolen.
Aber Wirtschaftswachstum und sozialer Fortschritt gehen, wie wir aus eigener Erfahrung wissen, nicht unbedingt Hand in Hand. Was in letzter Zeit etwa über brutale Arbeitsbedingungen in chinesischen Ziegeleien und Bergwerken, über dramatische Umweltschäden im „Land der Mitte“ zu lesen war – sind das von der westlichen Propaganda hochgespielte Einzelfälle, oder ist das symptomatisch für die soziale Schieflage einer ganzen Gesellschaft?
Wohin geht die von einer kommunistischen Partei regierte Volksrepublik China? Zur Beantwortung dieser Frage soll diese Tagung beitragen.

Die ReferentInnen und ihre Themen:

Manfred Szameitat, Frankfurt a.M.: Besonderheiten des chinesischen Kapitalismus
Prof. Dr. Helmut Peters, Berlin: VR China: 30 Jahre Reform- und Öffnungspolitik
Prof. Dr. Theodor Bergmann, Stuttgart: Vergleich der Entwicklungsstrategien China – Indien
Dr. Matin Baraki, Marburg: Die Afghanistanpolitik der VR China
Ulrike Eifler, M.A., Marburg: Klassenkämpfe in China

Rolf Berthold (ehem. Botschafter der DDR in der VR China), Berlin: Ergebnisse des 17. Parteitags der KP Chinas
Wolfgang Pomrehn, Berlin: Umweltprobleme in China
Prof. Dr. Manfred Lauermann, Hannover: Kulturrevolution nach 40 Jahren: Gibt es Kontinuitäten?

R. Berthold und H. Peters werden im Rahmen ihrer Beiträge auch auf die Entwicklung in und um Tibet eingehen. Es besteht Gelegenheit zu ausführlicher Diskussion.

Download der Ankündigung als PDF: China im Aufbruch – wohin?

ReferntInnen:

  • Dr. Matin Baraki, Marburg: Die Afghanistanpolitik der VR China
  • Prof. Dr. Theodor Bergmann, Stuttgart: Vergleich der Entwicklungsstrategien China – Indien
  • Rolf Berthold; Berlin: Ergebnisse des 17. Parteitags der KP Chinas
  • Ulrike Eifler, M.A., Marburg: Klassenkämpfe in China
  • Prof. Dr. Manfred Lauermann, Hannover: Kulturrevolution nach 40 Jahren: Gibt es Kontinuitäten?
  • Prof. Dr. Helmut Peters, Berlin: VR China: 30 Jahre Reform und Öffnungspolitik
  • Wolfgang Pomrehn, Berlin: Umweltprobleme in China
  • Manfred Szameitat, Frankfurt a.M.: Besonderheiten des chinesischen Kapitalismus

China im Aufbruch – wohin?

Konferenz der Marx-Engels-Stiftung

Über ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt heute in China. In den letzten Jahrzehnten hat das Land einen stürmischen ökonomischen Aufschwung genommen. In China produzierte Waren sind heute auf allen Märkten der Welt präsent; gleichzeitig macht die insgesamt gestiegene Kaufkraft der chinesischen Bevölkerung China zu einem der interessantesten Absatzmärkte für die Exportindustrie der kapitalistischen Metropolen.

Aber Wirtschaftswachstum und sozialer Fortschritt gehen, wie wir aus eigener Erfahrung wissen, nicht unbedingt Hand in Hand. Was in jüngster Zeit etwa über brutale Arbeitsbedingungen in chinesischen Ziegeleien und Bergwerken, über dramatische Umweltschäden im “Land der Mitte” zu lesen war – sind das von der westlichen Propaganda hochgespielte Einzelfälle, oder ist das symptomatisch für die soziale Schieflage einer ganzen Gesellschaft?

Wohin geht die von einer kommunistischen Partei regierte Volksrepublik China? Diese Frage soll unsere Tagung zu beantworten versuchen.

Referate u.a. von Matin Baraki, Marburg, Theodor Bergmann, Stuttgart, Rolf Berthold, Berlin, Ulrike Eifler, Marburg, Manfred Lauermann, Hannover, Helmut Peters, Berlin, Manfred Szameitat, Frankfurt/M. Angefragt: Joachim Bischoff, Hamburg und John P. Neelsen, Tübingen.

Ort: Marburg

Zeit: Samstag / Sonntag, 12. / 13. April 2008





font-weight: bold;